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Am 10. Februar sprach Johannes Haindl, Deutschlands Botschafter in Ungarn, mit den Studenten des Mathias Corvinus Collegium, und am 17. Februar folgte ein Online-Vortrag seine ungarischen Amtskollegen in Berlin, Péter Györkos.

Ihre Diskussionen mit den Studenten verliefen nach den „Chatham House” Regeln, also vertraulich. Aber ihre einleitenden Bemerkungen sind eine nähere öffentliche Betrachtung wert – sie enthielten Botschaften, die es wert sind, gehört zu werden.

Magyarul

Zwei sehr verschiedene Diplomaten, zwei sehr verschiedene Vorträge, die aber doch auffallende Gemeinsamkeiten enthielten. Beide Botschafter sagten, dass sie in den Berichten der Medien des jeweils anderen Landes ihr eigenes Land nicht wiedererkennen – dass also ungarische Medien in einer Weise über Deutschland schreiben, die nicht der Realität entspricht, und umgekehrt. Dass das ein Problem ist, betonte vor allem Györkös: Es zersetze das Feingewebe, dass die beiden Gesellschaften verbindet. „Irgendwann wird die Generation ganz verschwunden sein, die die Grenzöffnung erlebte”, sagte Györkös.

Tatsächlich: Die Öffnung des eisernen Vorhangs war ein ikonisches Ereignis, welches das Ungarnbild in Deutschland positiv prägte, und umgekehrt auch das Deutschlandbild der Ungarn. Bald aber wird eine neue Generation den Ton angeben, die vor dem Hintergrund negativer Medienberichterstattung über das jeweils anderes Land aufgewachsen ist. Deutsche und Ungarn laufen Gefahr, sich nicht nur politisch, sondern auch kulturell zu entfremden. Das kann Folgen haben. 

Botschafter Haindl hielt einen fein komponierten Vortrag voller interessanter Zwischentöne und sagte Dinge, die deutsche Diplomaten und Politiker nicht immer sagen, wenn sie über Ungarn sprechen.

Er begrüßte, dass „es heute in Ungarn wieder eine lebendige und respektierte jüdische Gemeinde gibt”

und dass Ungarn „zu den stärksten Befürwortern einer Antitziganismus-Definition” gehörte, die unter deutschem Vorsitz von der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken verabschiedet wurde.

Blühende jüdische Kultur und Engagement gegen Antitziganismus, das ist nicht unbedingt das Bild, das deutsche Medien und manche deutsche Politiker von Ungarn vermitteln. Routinemäßig wird die Regierung selbst als antisemitisch und ihre Politik als antitziganistisch verteufelt. Die Bemerkungen des Botschafters konnten in diesem Sinne als freundschaftliche Geste gewertet werden:

Das war ein ganz anderer Ton als der des Europa-Staatssekretärs Michael Roth (SPD), der im vergangenen Jahr von „grassierendem Antisemitismus” in Ungarn gesprochen hatte. Selten hört man zwei Vertreter der deutschen Regierung sich so unterschiedlich über ein Thema äußern.

Haindl sprach natürlich die Streitthemen an – Rechtsstaatlichkeit und Migration – aber betonte, dass diese in Brüssel ausgetragen würden, und nicht im Fokus der bilateralen Beziehungen stünden. Da stehe vielmehr eine vor zwei Jahren angestoßene „positive Agenda” im Vordergrund, die darin besteht, die äußerst erfolgreiche wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit noch weiter zu vertiefen.

Ein kleines Wort in Haindls Vortrag hatte Signalwirkung: „Augenhöhe”. Ein „offener und konstruktiver Dialog in Augenhöhe” sei bei umstrittenen Themen nötig, sagte er. Der Mangel an „Augenhöhe” ist seit Jahren eine ungarische Forderung wenn es um den bilateralen Dialog geht. Es bedeutet, dass Deutschland das kleinere Land bitte als gleichwertigen Partner behandeln möge. Dieses Signal kam nun von Haindl, und wurde wahrgenommen.

Eine weitere Nuance: Haindl erwähnte die Gemahlin des ungarischen Gründerkönigs Stefan I., Gisela von Bayern. Dieser Ehebund habe zur „endgültigen Christianisierung” Ungarns beigetragen, also eine „gemeinsame Wertegrundlage” geschaffen. Stefan habe es zudem verstanden, Ungarns  „Unabhängigkeit vom römisch deutschen Kaisertum” zu wahren. Dieser Verweis war eine doppelte Botschaft: Deutschland versteht, wie wichtig den Magyaren ihre Unabhängigkeit ist. Auch von Deutschland wollen sie nicht abhängen. Und in der komplexen Debatte unserer Zeit über „gemeinsame Werte” hat Deutschland offenbar nicht ganz vergessen, dass diese gemeinsamen Werte zu allererst christliche Werte waren.

Solche fein komponierten Formulierungen gehören schon zur Hohen Schule diplomatischer Kommunikation. Györkös’ Vortrag war offener, lebhafter und suchte den Blick sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu weiten. Er zählte zahlreiche Kulturdenkmäler in Deutschland auf, an denen sichtbar wird, wie eng und wie tief und wie lange schon die beiden Länder mit einander verbunden sind – etwa die ungarische Kapelle am Aachener Dom.

Keine zwei Länder in Europa seien kulturell, historisch und heutzutage auch wirtschaftlich enger verbunden als Ungarn und Deutschland, sagte er.

Dieses enge Band sei aber durch die zersetzenden politischen Debatten und vor allem durch das mediale Umfeld der letzten Jahre in Gefahr geraten.

Györkös sprach von den vielen ungeklärten Fragen, vor denen Deutschland stehe: Vor allem sein Platz und als einzige Großmacht in einem nunmehr „kontinentalen Europa”.

Haindl hatte in seinem Vortrag betont, dass die EU auf engere Integration ihrer Mitglieder angewiesen sei. Györkös ging da einen großen Sprung weiter: Er vertrat die Ansicht, dass die Europäische Kommission längst ihre eigentliche Aufgabe als Vermittlungsstelle zwischen den Mitgliedsländern aufgegeben habe und eine politischere Rolle anstrebe. Heute sei es Angela Merkel, die zwischen den Ländern vermittele. Das habe sich im jüngsten Streit um den EU-Haushalt klar gezeigt.

Auch darin lag eine Botschaft: Die Bitte an Deutschland, sich seiner Verwantwortung als Führungsmacht in Europa bewußt zu bleiben.

Der Autor ist Journalist, Korrespondent für deutschsprachige Zeitungen und Leiter der MCC Media School.